Hanebüchene Ungereimtheiten

Machtspiele und Verbrechen.

Der brutale Angriff eines Schülers auf seine Lehrerin in Möriken-Wildegg war angekündigt. Mitschüler belasten den 14-jährigen Syrer schwer. Therapien sollen helfen. Die Behörden schauen weg.

Auch die zweite Einvernahme der Aargauer Kantonspolizei im Auftrag der Jugendanwaltschaft war getragen von einfühlsamer Zurückhaltung. Sie fand Ende August statt. Bereits zwei Monate waren da vergangen, seit der 14-jährige Syrer Ali M. (Name der Redaktion bekannt) in Möriken-Wildegg seine heute 64-jährige Lehrerin mit Faustschlägen und Fusstritten angegriffen und verletzt hatte. Im Spital wurden bei der Frau neben einem Kieferbruch diverse Hämatome am Oberkörper und im Gesicht dokumentiert.

Nachdem er ihn über all seine Rechte aufgeklärt hat, möchte der Beamte als Erstes vom Burschen wissen, was der «Medienhype» um seinen Fall bei ihm ausgelöst habe. Das habe ihn verletzt, klagt der junge Syrer, das sei alles falsch dargestellt worden. Er sei in Wahrheit das Opfer. Nicht er habe die Lehrerin angegriffen, es sei umgekehrt gewesen: Sie habe ihn ohne Grund geschlagen, er habe sich nur passiv gewehrt. Bei der reflexartigen Abwehr habe er sie womöglich touchiert. Die schweren Verletzungen könnten unmöglich ihm zugeschrieben werden, meinte er. Es könne ja auch sein, dass sich die Lehrerin nachträglich selber geschlagen habe.

Die Aussagen des Vierzehnjährigen triefen nachgerade vor Selbstmitleid. Ein Jahr lang soll ihn die Lehrerin als Terroristen und stinkenden Schmutzfinken beschimpft und gedemütigt haben, und das nur wegen seiner Herkunft oder seines Glaubens. Dabei sei er überhaupt nicht religiös. Er habe noch nie etwas von al-Qaida oder dem Islamischen Staat gehört, versicherte der Syrer, er wisse gar nicht, was das sei. Sein einziger Fehler sei gewesen, dass er nicht selber Anzeige erstattet habe.

Ab in die Box-Therapie

M. will auch nie mit einem Dolch auf dem Pausenplatz herumgefuchtelt haben. Es sei ein kleines rotes Schweizer Sackmesser gewesen, mit dem er gerne schnitze. Das Messer habe er weggeworfen, um nicht in falschen Verdacht zu geraten. Nun stellte die Polizei bei ihm zu Hause ein grösseres Messer sicher, die Ermittlungen ergaben zudem, dass er zumindest zeitweise einen Dolch und ein Butterflymesser besessen hatte. Doch all diese Waffen will M. bloss für einen Freund aufbewahrt haben.

Als die Lehrerin an jenem 28. Juni 2019 ihn vor dem Betreten des Schulzimmers aufforderte, seine Taschen zwecks Messerkontrolle zu leeren, habe er bloss verlangt, dass die Schulleitung beigezogen werde. Das sei sein gutes Recht gewesen, meinte der junge Syrer. Er habe sich schikaniert gefühlt.

Nun könnte man sich fragen, was die Jugendanwaltschaft unter einem «Medienhype» versteht (im Wesentlichen handelte es sich um drei eher zurückhaltende Berichte von Aargauer Zeitung, Tele M1 und Weltwoche, die von anderen Medien kommentarlos zitiert wurden). Auffällig ist aber vor allem, dass die Ermittler den Jugendlichen kaum mit den hanebüchenen Ungereimtheiten in seinen Aussagen konfrontierten. Die Realität steht nämlich gemäss Recherchen der Weltwoche in einem diametralen Widerspruch zur Opferrolle, die sich der junge Syrer selber zuschreibt. Erschreckend ist nicht nur die Brutalität, die der vierzehnjährige Schläger bei seinem gemäss Mitschülern angekündigten Angriff an den Tag legte, sondern auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der er sein Opfer zur Täterin macht.

Jugendstrafverfahren sind geheim. Erziehung und Therapie gehen gemäss Schweizer Recht der Strafe vor. Doch das befreit die Behörden nicht von der Pflicht, ein Verbrechen sauber abzuklären. Damit man die angezeigten Massnahmen ergreifen kann, muss vorerst ermittelt werden, was Sache ist. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass der Vierzehnjährige zuschlägt, und es ist zu befürchten, dass es auch nicht das letzte Mal ist. Doch der forensische Psychiater, der M. begutachten soll – das Resultat wird auf Ende Oktober erwartet –, darf nicht auf eigene Faust die versäumten Ermittlungen ergänzen. Er muss sich auf die Untersuchung der Jugendanwaltschaft stützen.

Der bisherige Gang des Verfahrens erweckt indes den Eindruck, dass die Jugendanwaltschaft es gar nicht so genau wissen will. Und hier liegt ein Problem, das eben doch von öffentlichem Interesse ist: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn M. erneut zuschlägt?

Abgesehen davon sind die Aussagen des Burschen auch ein Hohn gegenüber dem tatsächlichen Opfer: eine Lehrerin, die ihr Leben dem Wohl der Kinder gewidmet hat und zum Dank unmittelbar vor der Pensionierung spitalreif geprügelt wird («Im Namen Allahs», Weltwoche vom 11. Juli 2019). Die Version des Täters, der die Rollen verkehrt, steht unwidersprochen im Raum. Er selber hat sie in Möriken-Wildegg verbreitet.

Doch weder die betroffene Lehrerin noch die involvierte schulische Heilpädagogin noch die Schulleitung noch die Mitschüler wurden von den Ermittlern mit den Aussagen des jungen Syrers konfrontiert. Stattdessen schickte ihn die Jugendanwaltschaft nach den Sommerferien sechs Wochen lang in eine Therapie mit Boxtraining zwecks Aggressionskontrolle. Nach den Herbstferien, die diese Woche im Aargau zu Ende gehen, soll M. nun wieder die normale Realschule besuchen, einfach in einer anderen Gemeinde. Von der Spezialschule für Verhaltensauffällige, in die er eigentlich hätte geschickt werden sollen, noch bevor es zum brutalen Angriff kam, ist nirgends mehr die Rede. Kurzum: M. hat mit seinem Angriff erreicht, was er wollte – nämlich die Einweisung in die Spezialschule zu verhindern.

Gegen Weihnachtslieder und Bikinis

Doch gehen wir der Reihe nach. Bereits in der Primarschule ist M. aufgefallen, unter anderem weil er einem Mitschüler die Zähne eingeschlagen hatte. Als er nach den Sommerferien 2018 in die erste Realklasse eintritt, herrscht bald Unruhe in der Klasse. Im Einzelnen sind es keine spektakulären Fehltritte, doch in der Summe werden sie bald mehr als lästig. Mal schlägt M. auf dem Pausenplatz einen sehbehinderten Jungen zusammen, weil dieser ihn angeblich schräg angeschaut habe; mal spielt er im Schulzimmer mit dem Feuerzeug oder lässt Kleinigkeiten mitlaufen; mit einem Kollegen begeht er Vandalenakte vor dem Kindergarten und beim Haus des Abwarts; als sich der Abwart zur Wehr setzt, bedroht er diesen. Auch der Turnlehrer, der M. einmal aus dem Unterricht verweist, erhält eine Todesdrohung, wobei der Syrer vor versammelter Klasse mit dem Zeigefinger über seine Kehle streicht.

Seine oft in der Mehrdeutigkeit versteckten, aber unverschämten Drohungen und Provokationen spielen regelmässig auf den Islam an. Der angeblich Unreligiöse veranstaltet eine Diskussion, weil er keine Weihnachtslieder singen mag. Mädchen beschimpft er als Schlampen oder Huren, er rempelt sie an, schubst sie auf der Treppe, spuckt ihnen vor die Füsse. Er bedroht seine muslimischen Gspänli per Whatsapp, weil sie sich nicht an den Ramadan halten, im unzüchtigen Bikini baden oder zerschlissene Jeans tragen. Im Chat kündigt er an, es sei für ihn kein Problem, Mädchen zu schlagen. Während er sich selber als Opfer von Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit inszeniert, beschimpft M. Dunkelhäutige ungerührt als «Nigger».

In der Klasse spannt M. anfänglich mit einem anderen Jungen aus dem arabischen Raum zusammen, der ähnliche Machtspiele treibt. Die Lehrerin und die schulische Heilpädagogin, welche die Klasse gemeinsam führen, lassen sich nicht beeindrucken. Beide gelten gemäss verschiedenen Quellen als sehr erfahrene Lehrkräfte, die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind und sehr gut zusammenspielen. Beide sind eher überqualifiziert. Hätten sie ein grundsätzliches Problem mit Ausländern, würden sie kaum an der Realschule unterrichten. Zuerst versuchen es die zwei Frauen mit kleineren Sanktionen. Als das nicht wirkt, schalten sie Sozialarbeiter und den Schulpsychologen ein. Mehrmals wird M. in Spezialprogramme eingewiesen. Schliesslich tritt auch die kantonale Antiradikalisierungsstelle auf den Plan. Letztere gibt allerdings Entwarnung.

M. fällt in der Schule durch Palästinenser-Schals, religiöse Amulette oder auch mehrdeutige Allah-Beschwörungen auf. Mag sein, dass hinter der islamistischen Aura bloss das Imponiergehabe eines pubertierenden Wichtigtuers steckt. Doch die latente Drohkulisse bringt Unruhe in die Klasse. Der Kumpan von M. wird nach den Sportferien 2019 schliesslich in ein Jugendheim eingewiesen, allerdings aus anderen Gründen. Doch die erhoffte Beruhigung bleibt aus.

Der junge Syrer spielt nun erst recht den Platzhirsch im Schulhaus. Einige seiner Mitschüler lassen sich durch seine Allah-Show beeindrucken. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Eltern, die vor fünf Jahren als Asylbewerber in die Schweiz kamen und seither von der Sozialhilfe leben, kein Wort Deutsch sprechen. Insbesondere der Vater, der selbst im Dorf schon wegen Gewalttätigkeit gegen Frauen aufgefallen ist, scheint sich hinter den Sohn zu stellen.

Am 20. Juni 2019, es ist ein Donnerstag, kommt es zu einem Elterngespräch, bei dem neben den beiden Lehrerinnen die Schulleiterin, der Sozialarbeiter sowie ein Übersetzer zugegen sind. Die Eltern willigen schliesslich widerstrebend ein, dass M. an der Regionalen Spezialklasse in Baden angemeldet wird, einer Schule für verhaltensauffällige und gewaltbereite Jugendliche. Bei M. kommt das offenbar gar nicht gut an. Tags darauf beobachten ihn mehrere Personen, wie er auf dem Pausenplatz mit einem nicht näher umschriebenen Klappmesser herumfuchtelt.

Der Vierzehnjährige darf im Sinne eines Kompromisses noch bis zu den Sommerferien an der Schule in Möriken-Wildegg bleiben. Bevor er am Morgen jeweils das Klassenzimmer betritt, muss M. aber seinen Lehrerinnen den Inhalt seiner Taschen zeigen, in einem separaten Zimmer notabene. Man will ihn nicht blossstellen, lediglich sichergehen, dass er das Messer zu Hause lässt. Die beiden erfahrenen Lehrerinnen haben ein schlechtes Gefühl. Sie wollen den Teufel nicht an die Wand malen, doch sie stufen den Burschen als manipulativ, schwer zugänglich und unberechenbar ein.

Eine Woche später, am 28. Juni, kommt M. eine Stunde zu spät in den Unterricht. Es ist nicht das erste Mal. Die Klassenlehrerin schickt ihn ins Nebenzimmer, wo er eine Stunde lang allein Aufgaben lösen soll. Nach der Elf-Uhr-Pause will sie ihn dort abholen. Doch M. wartet im Gang auf sie. Die beiden sind allein. Die Lehrerin fordert ihn auf, den Inhalt seiner Schultasche auf einen Tisch zu leeren. Er weigert sich. Dann könne er nicht ins Klassenzimmer kommen, entgegnet sie.

Eine geplante Abrechnung

Gemäss ihrer Darstellung schlägt er ihr nun völlig unvermittelt mit der Faust mindestens zweimal ins Gesicht. Ihr Kiefer bricht. Weitere Schläge hinterlassen Blutergüsse an ihrem Oberarm, an ihrem Rücken und am Oberkörper. Als sie, um Hilfe schreiend, flüchtet, tritt M. mit den Füssen nach, bevor er selber das Weite sucht. Direkte Zeugen gibt es keine. Doch ihr Hilfeschrei ist weitherum zu hören.

Nach der Darstellung von Mitschülerinnen und Mitschülern war der Angriff von M. kein spontaner Kurzschlussakt, sondern eine geplante Abrechnung. Der Bursche habe zuvor angekündigt, dass er die Lehrerin zusammenschlagen werde. Es sei auch keine Ausnahme gewesen, dass M. mit Messern herumgefuchtelt und gedroht habe. Er habe schon Messer geworfen und andere Schüler damit geritzt.

Gewiss, das sind bis zum Beweis des Gegenteils nur Behauptungen, die es abzuklären gälte. Die zentrale Frage bleibt: Ist M. bloss ein verwahrloster Teenager, der seine Grenzen sucht, sich in einer falschen Opferrolle suhlt und ein vielleicht kulturell bedingtes Problem mit weiblichen Autoritäten hat? Oder offenbart sein Verhalten und vor allem auch sein kaltblütiges Leugnen jeder Schuld einen gefährlichen Psychopathen, der gerade am Anfang einer kriminellen Karriere steht?

Am Schluss der Einvernahme nimmt der Polizist dem Vierzehnjährigen das Versprechen ab, dass er solche Dinge nie wieder tun werde. Das hat er seinen Lehrerinnen allerdings schon oft versprochen. Seine Taten sprechen eine andere Sprache. Auf sein Wort ist offenkundig kein Verlass. Doch für die Jugendanwaltschaft reicht es, um den jungen Syrer wieder auf eine normale Schule zu schicken.

Quelle

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