Nato-Staaten führen Manöver an russischer Grenze im Nordmeer durch – Russland reagiert

Nato-Staaten führen Manöver an russischer Grenze im Nordmeer durch – Russland reagiert

Nato-Staaten haben mitgeteilt, dass sie mit einer Reihe von Kriegsschiffen im Nordmeer, also unmittelbar an Russlands Grenze, ein Flottenmanöver durchführen. Wie regiert Russland?

Ich habe gestern schon über die Nato-Aktivitäten an Russlands Grenze und einen Ausschnitt aus einem Interview mit dem russischen Verteidigungsminister Schoigu berichtet, in dem dieser auf die erhöhten Aktivitäten der Nato-Staaten an Russlands Grenze eingegangen ist. Danach wurde ein weiteres Fragment des Interviews veröffentlicht. Schoigu sagte da:

„In den letzten 10 Tagen, vom 24. August bis zum 3. September, sind unsere Flugzeuge allein 10 Mal aufgestiegen, nur um Aufklärungsflugzeuge der USA zu begleiten. Das war über der Ostsee, der Barentsee und dem Schwarzen Meer. Aber etwas anderes macht viel mehr Sorgen. Das (die Aufklärungsflugzeuge) gab es immer, aber nicht in dieser Anzahl. Es geht nicht nur um Aufklärungsflugzeuge, in letzter Zeit gibt es regelmäßig Fugmanöver, die an unserer Grenze Raketenangriffe simulieren und daran sind große Zahlen von Flugzeugen beteiligt. Das gab es früher nicht. Zuletzt waren daran auch schwere Bomber vom Typ B52 beteiligt. Sie nähern sich unserer Grenze, natürlich fangen wir sie ab, weil wir das nicht zulassen, von niemandem.
Wir verstehen, womit das zusammenhängt. Die Welt hatte sich schon damit abgefunden, dass sie unipolar ist, dass es einen Herrn gibt, der herrscht und bestimmt. Dem gefällt es nicht allzu sehr, wenn ein neuer Pol auftaucht – und der ist aufgetaucht, auch wenn es manchem nicht gefällt – und wenn wir einfache Fragen stellen.
Die Ostgrenzen sind bedroht, sagen die europäischen Partner. Wir fragen, wer sie wie bedroht. Wir schlagen einfache Lösungen vor. Wir haben praktisch alle unsere Manöver ins Landesinnere verlegt, weg von den Grenzen.
Das war früher eine der ewigen Forderungen: Ihr bedroht uns mit Euren Manövern, macht sie nicht an der Grenze!
Jetzt machen wir praktisch alle Manöver im Landesinneren.
Das haben wir auch ihnen angeboten, aber sie machen das Gegenteil. Gerade erst im Mai waren es 30 Kriegsschiffe, darunter drei amerikanische Zerstörer mit Raketenabwehrsystemen. Das ist das erste Mal seit dem Kalten Krieg, nach dem Kalten Krieg gab es das nicht mehr.“

Danach folgte das, was ich gestern schon übersetzt habe, Sie können hier die gestern von mir übersetzte Fortsetzung dieser Passage des Interviews lesen.

Hinzu kommt das große Manöver „Defender 2020“, das größte US-Manöver in Europa seit dem Kalten Krieg, das in diesem Jahr in Polen stattfinden sollte und das nun dank Corona in abgespeckter Form stattfindet.

Die Liste der Nato-Manöver und der Manöver von Nato-Staaten nahe der russischen Grenze ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Auch im Schwarzen Meer, wo auch Schiffe der Bundesmarine an den Kriegsspielen vor Russlands Küsten teilnehmen.

Nun gab es eine neue Meldung, dieses Mal von der britischen Royal Navy. Sie führt zusammen mit norwegischen und US-amerikanischen Zerstörern, sowie der dänischen Luftwaffe ein Manöver im Nordmeer, wieder an der russischen Grenze, durch. In der Pressemeldung der Royal Navy heißt es, dieses Manöver baue auf den Manövern in der Barentssee vom Mai diesen Jahres auf. Der Sinn der Manöver sei „die Aufrechterhaltung der freien Schifffahrt in einer vitalen Region.“

Aber wer bedroht denn die freie Schifffahrt dort? Gibt es dafür auch nur ein Beispiel?

Solche Pressemeldungen von Nato-Staaten bestätigen das, was der russische Verteidigungsminister gesagt hat: Es geht um Manöver gegen Russland und zwar direkt an der russischen Grenze, denn die von der Royal Navy genannte Begründung für das Manöver ist ganz offensichtlich nur ein Vorwand, der in der Realität durch nichts begründet ist.

Hinzu kommt, dass Russland selbst an der freien Schifffahrt in der Region interessiert ist, denn es hat am Nordmeer ein großes Flüssiggas-Terminal gebaut, mit dem es verflüssigtes Erdgas auf dem Seeweg exportiert. Dafür gibt es vor allem in Asien einen großen Markt, weil es von den Gasförderstätten der Welt keine Pipelines zu den Kunden im Fernen Osten gibt.

Übrigens haben die Manöver der Nato auch einen ganz konkreten militärischen Spionageeffekt. Wenn man an der Grenze eines Landes entlang fliegt oder gar Angriffe trainiert und simuliert, beobachtet man immer auch die Reaktion des betroffenen Landes. Man bekommt dabei Informationen über Befehlsketten und Reaktionszeiten, wenn man gleichzeitig den Funkverkehr, beziehungsweise dessen Aktivität analysiert, und zum Beispiel beobachtet, wie lange es dauert, bis Abfangjäger aufsteigen.

Das Problem dabei ist, dass solche Manöver brandgefährlich sind, denn sie lassen eine Menge Raum für Missverständnisse, die zu einem bewaffneten Konflikt führen können. Dieses Spiel mit dem Feuer gab es in den 1980er Jahren unter Reagan schon mal, als die US-Luftwaffe genau solche Manöver an der damals sowjetischen Grenze durchgeführt hat. Seinerzeit – im Jahre 1983 – hätte das im Rahmen der Nato-Übung Able Archer um ein Haar zu einem Atomkrieg aus Versehen geführt. Das wurde in dieser ZDF-Reportage sehr detailliert aufgezeigt.

Man sollte meinen, dass Politiker und Militärs aus der Vergangenheit lernen, aber die aktuellen Aktivitäten der Nato-Staaten zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist.

PS: Dass ich diesen Artikel unter anderem in der Rubrik „Meldungen der russischen Medien“ veröffentlicht habe, liegt nicht nur an dem Interview des russischen Fernsehens, sondern auch daran, dass ich auf das Manöver im Nordmeer und die Pressemeldung der Royal Navy durch einen Artikel der russischen Nachrichtenagentur TASS aufmerksam geworden bin.

Die deutschen „Qualitätsmedien“ halten solche Meldungen anscheinend nicht für erwähnenswert… https://www.j-k-fischer-verlag.de/snip.php?ref=1023&c=3&l=2&pid=9700&rl=8103-9140
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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft. Zeige alle Beiträge von Anti-Spiegel

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