Grüner fliegen. Eurowings goes woke

Passagiere in alle Welt verfrachten, ordentlich Kerosin verbrennen und trotzdem einen auf öko machen, geht das? Na klar! Zumindest auf dem Papier. Eurowings gibt ein Bordmagazin heraus, das sich in seiner Haltung mit dem Stern messen kann.

Auf Kotztüten in den Rückenlehnen von Eurowings-Fliegern steht der Spruch „I wish I was a popcorn bag“. Nicht schlecht für eine Airline, staunte ich. Was die Firma scherzmäßig wohl sonst noch drauf hatte? Erwartungsvoll nahm ich die Juli/August-Ausgabe ihres Inflight-Magazins Wings zur Hand. Gedruckt ist es auf „Clean paper“, übersetzt: auf etwas besserem Klopapier.

Nach ein paar ethisch prekären Anzeigen (etwa für Häuslebau, Harleyfahren) steigt die Kundenzeitschrift steil in den Orbit des ökologisch Korrekten. Inserate bewerben unkaputtbare Fahrradreifen, vegane Taschen der Marke Fritzi, Mymarini-Bikinis („Ethical swimwear made in Europe with respect for people and our planet”).

Ferner „faire Wäsche zum Verlieben“ der Firma Speidel („Sieht toll aus und wird nachhaltig in Europa hergestellt“), Demeter-Käse im Glas („Plastik ist nur was für Barbies“), Swimmingpool-Abdeckhauben mit einem „Save the earth“-Siegel und „klimaneutrale Tore und Türen“ eines Herstellers, der laut Selbstauskunft „Naturstrom“ zapft. Eine ganzseitige Annonce präsentiert drei junge Personen (zwei weibliche, eine davon mit Afro-Frisur), die ein „Team für mehr Gerechtigkeit in Deutschland“ bilden. Damit sollen Leser für die „Karriere beim Zoll“ gekobert werden.

Gutmenschlich geht es voll zur Sache

Im angetäuscht redaktionellen Teil des Heftes, einem unentwirrbaren Knäuel aus gesponserten Reisestücken, Fresstipps, Wellnessgedöns, Shoppinghölle und Schleichwerbung, geht es dann gutmenschlich voll zur Sache. Eine von der Bundeszentrale für politische Propaganda, quatsch Bildung, empfohlene Agentur namens „Mediale Pfade“ wird dort vorgestellt, die gegen „Populisten“ und „extreme Rechte“ kämpft und Jugendliche befähigen möchte, „Ausgrenzung und Rassismus im Alltag frühzeitig zu erkennen.

Weitere Heißluftnummern: Fünf hippe Aussteiger, die es sich auf Ibiza kommod gemacht haben, erzählen was von ihren Ökosteckenpferdchen. Wie sie eine Ölbohrung vor den Balearen verhindert, Urgemüsesorten gezüchtet und Kompostlatrinen erbaut haben. Und was es mit der „Seegrasrettung“ auf sich hat.

Einem Dr. Maximilian Oehl, der in Köln die „Refugee Law Clinic“ zur rechtlichen Rüstung von Reingeschneiten betreibt, räumt das Eurowings-Blatt zwei Seiten ein für die Verbreitung der Ansicht, dass „enkeltaugliche Politik Vielfalt und Lebendigkeit“ benötige. Und immer wieder, ob in Anzeigen oder redaktionellen Textfetzen, springen den Leser Wieselwörter wie „Nachhaltigkeit“, „innovative Energie“ „ökologischer Fußabdruck“, „Passivhaus“ oder „Zivilgesellschaft“ an.

In die Luft gehen darf nur noch der Global-Warming-Jetset

Warum legt ausgerechnet eine Fluggesellschaft so einen Käse auf? Deren Produkt, Menschen von A nach B zu befördern, nun mal nicht ohne die Nutzung ganz normaler Energie bei Hinterlassung eines gewissen Fußabdrucks funktionieren kann? Tut die Airline das, um sich an die Grünen ranzumachen? Auf dass diese, bei einer demnächst möglichen Regierungsbeteiligung, sich der Lufthansa und ihrer Tochter Eurowings gnädig erweisen? Wäre das reinste Stockholm-Syndrom. Bloß ohne Nutzwert.

Sobald nämlich Klima-Apokalyptiker auch nur halb am Ruder sind, ist es mit Luftreisen für jedermann früher oder später Sense. Selbst wenn man mit Elektrofliegern bis Malle käme – Grüne würden das vereiteln. Grüne wollen nicht, dass sich die unwoke Masse überhaupt wesentlich weiter verdrückt, als man mit dem Fahrrad oder der Bummelbahn kommt. Wenn überhaupt noch jemand in die Luft gehen darf, dann der Global-Warming-Jetset. Irgendeine Konferenz zwecks Rettung des Planeten steht ja immer an, in Bali, Rio, Kyoto, Cancún.

Gern erinnere ich mich an das Bordmagazin der leider verblichenen Air Berlin. Beim Futtern einer fabelhaften Currywurst aus dem „Sansibar“-Catering der Linie habe ich so manches Mal darin geschmökert, fasziniert von der Nonchalance, mit der das Heft unter geringstmöglichem Aufwand zusammengeschustert wurde. Auch an dieser Publikation war alles irgendwie werblich. So gut wie jeder Reisetipp, jede Hotelvorstellung, jede wohlwollende Restaurantkritik verdankte sich gefälligen Einladungen von Touristikverbänden, Hoteliers, Gastronomen. Gute alte kleinkorrupte Tage!

König der Billigflieger mit Rochus auf die Grünen

Aber eines musste man dieser Kundenzeitschrift zugutehalten. Nie, wirklich niemals ging es darin um Mütterlein Erde, angebliche Nachhaltigkeiten oder Enkeltauglichkeitstricks. Schon gar nicht um den Kampf gegen „rechts“. Politisch wurde das Heft nur an einer Stelle. Dort allerdings heftig. Im Editorial jeder Ausgabe polterte der hemdsärmelige Chef Joachim Hunold, der Air Berlin zeitweise ganz groß gemacht hatte, gegen alle, die das Fliegen sabotieren und verteuern wollten, etwa durch eine Kerosinsteuer.

Anders als die Bosse der Lufthansa, deren schwurbelige Leitartikel das auf edel getrimmte Bordmagazin der Kranich-Linie eröffneten, machte Hunold („der Achim“, wie ihn viele Angestellte nannten) aus seinem Herzen keine Mördergrube. Konkurrenten wie die staatlich gepamperte Lufthansa sowie Gewerkschafter, linke Politiker und Tourismusverächter kriegten im Air Berlin-Magazin regelmäßig ihr Fett weg. Die Branche – sogar manche Leute bei Air Berlin – nervte das.

Doch der trinkfeste Selfmademan aus Düsseldorf, „König der Billigflieger“, ließ nicht locker. Sein besonderer Rochus galt den Grünen. Grüne sind Todfeinde preisgünstigen Fliegens, das stand für ihn fest. Hunolds Sturz und das Verschwinden der Air Berlin vom Markt hatten aber hauptsächlich andere Gründe – die Firma überreizte irgendwann ihre Wachstumsstrategie.

Hoffnung auf Bonuspunkte durch beflissenes Greenwashing

Und Eurowings? Möglich, dass man dort ernstlich glaubt, mit beflissenem Greenwashing in ihrem Magazin ein paar Bonuspunkte bei denen ergattern zu können, welche die ganze Veranstaltung namens Luftfahrt irgendwann abschießen möchten. Wer so denkt, hat den Schuss nicht vernommen. Der hofft, die alte Business-Devise „If you can’t beat them, join them“ böte auch in diesem Fall eine Lösung. Doch enthält die Chronik des Appeasement reichlich Beispiele dafür, dass Anbiedermänner am Ende doch bloß einen Tritt in den Wertesten kassierten. Nehmen wir nur die Geschichte des ehedem großen, reichen, einflussmächtigen Stern.

Das 1948 von Henri Nannen gegründete „Renommier- und Weltblatt“ (so ein Branchendienst) ging nach der Jahrtausendwende mählich den Bach runter. Zwischen dem 1. Quartal 2003 und dem Vergleichszeitraum im Jahr 2020 brach der Gesamtverkauf des Stern um sage und schreibe zwei Drittel ein, von 1.141293 Exemplaren auf 422158 Exemplare, Tendenz fallend. Das Online-Zeitalter hatten die Hamburger schlicht verpennt. Die Klickzahlen bei stern.de lagen immer weit abgeschlagen hinter denen von bild.de oder spiegel.de. und focus online.

Was unternahm das Blatt gegen den erschröcklichen Niedergang? Es warf sich – zunächst behutsam, ab ungefähr 2010 immer schneller – einem vermuteten Zeitgeist an den Hals, der feministisch, klimabesorgt und divers tickt, unter jedem Sofa einen Nazi wittert und jeden Migranten für einen verfolgten Flüchtling hält. In den Redaktionskonferenzen gaben zunehmend forsche Gesinnungsträger den Ton an, die vor Habt-Acht-Haltung kaum noch sitzen konnten. Im September 2020 vollzog der Stern endgültig den Abschied vom Journalismus und verwandelte sich in eine Klimahüpfer-NGO.

Nannens Wundertüte landet im ökonomischen Papierkorb

Was war der Lohn? Strömten nun woke junge Menschen massenhaft an die Kioske, um den neuen, ökomäßig erwachten Stern zu erstehen? Fehlanzeige. Die Auflage rutschte noch weiter ab. Das Heft 26/2020 mit dem offenbar aus Todessehnsucht entstandenen, ganz in Schwarz gehaltenen Cover „Wie rassistisch bin ich? Eine Anleitung zur Selbsterkundung“ verkaufte am Kiosk, dem harten Barometer der Branche, nicht mal 100.000 Stück.

Da dämmerte den Letzten: Nannens Wundertüte war im ökonomischen Papierkorb gelandet. In politischer Hinsicht bescheinigte die Süddeutsche Zeitung dem Blatt, das einst gesellschaftliche Großdebatten angestoßen hatte, die „vollkommene Bedeutungslosigkeit“.

Wenn nicht sämtliche Zeichen trügen, wird der Stern im Herbst zusammen mit seinem Verlag Gruner+Jahr mit der Bertelsmann-Mediengruppe RTL fusionieren. Konkret, „ganz im Bauch des allesvertilgenden Konzerns RTL verschwinden“ (SZ). Beim Stern nennen sie das auftragsgemäß: „Zukunftsfähig werden“.

Was an den Rat des lebensklugen Dichters Erich Kästner erinnert: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“.

Gilt auch für Fluggesellschaften. Foto: Pixabay

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